2010, 15.Seminarwoche

 Bericht über die Abschlusswoche 19.- 25. September 2010 in Varna/ Bulgarien

„…das menschliche Leben ist Finden und Scheiden..“So heißt es in einem Lied, das in den letzten Seminarwochen im musikalischen Teil immer wieder gesungen wurde. Am Ende dieser dreijährigen Ausbildung stand dieser Satz wie ein Motto für die Entwicklung, die die Teilnehmenden, die Verantwortlichen und die begleitenden Dozenten und Gäste währen dieser letzten Woche empfinden konnten: nach intensiven freuden- und konfliktreichen Findungsprozessen in den ersten beiden Jahren, hat sich eine Gruppe gebildet, von der eine Teilnehmerin sagte, dass sie zu ihrem zukünftigen Leben gehören und ihren Weg weiter mit bestimmen würde. Für eine Ausbildung, die Menschen in die anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie einführt, ist das ein wichtiges Feedback und weist auf den Verwandlungsprozess hin, der damit immer verbunden ist. Die Intensität und Dichte, der insgesamt 15 Seminarwochen hat auch in dieser letzten Woche nicht nachgelassen: die künstlerische Arbeit wurde mit Musik durch Isabelle Kuster und Eurythmie durch  Deyan Dimitroff über die ganze Woche hin geführt unterbrochen durch einen Teil, in dem die Malerin Mariana Nikolova und Edith Moor auf die die erworbenen Fähigkeiten im Malen und Zeichnen zurückgegriffen haben und alle einen eigenen Spruch für einen betreuten Menschen in ein künstlerisches Bild umgesetzt hatten.

Ein erster inhaltlicher Teil beschäftigte sich mit der Praxis der Sozialpsychiatrie, anschaulich dargestellt und durch Praxisbeispiele verdichtet von Andrea Kron-Petrovic von Porta e.V. Wuppertal. Der zweite inhaltliche Akzent wurde gesetzt durch Prof. Rüdiger Grimm, Dornach der die Kernelemente der anthroposophischen Heilpädagogik unter dem Leitmotiv des Dialogs zusammenfasste und diesen in den Zusammenhang der inzwischen weltweit arbeitenden Bewegung stellte. Der dritte Akzent wurde durch zwei Vorträge von Dr. T. Frangov, Sofia gesetzt, der das Karma der anthroposophischen Bewegung in seinem Zusammenhang mit dem Karma Rudolf Steiners setzte und in einem zweiten Thema unter dem Stichwort der Mysteria Magna die kosmische und die menschliche Entwicklung auf ihren spirituellen Hintergrund beleuchtete, eine anspruchsvolle abschließende Perspektive für die Arbeit der Menschen, die sich jetzt mit der anthroposophischen heilpädagogischen und sozialtherapeutischen Arbeit verbinden wollten. In einem kurzen Hinweis blickte Gerhard Herz auf die getane Arbeit zurück und betonte noch einmal die Bedeutung der eigenen individuellen Durcharbeitung, Verifizierung und Forschung angesichts der zahlreichen beinahe verführerischen Begriffe, die ein spirituelles „System“ bietet.

In einer Seminarauswertung wurde von den Teilnehmern der Stellenwert der künstlerischen Arbeit und die hohe Qualität der die Erkenntnisarbeit von den beteiligten Referenten erwähnt. Der Einblick in die Praxis, den alle Teilnehmer in Rumänien, Ukraine, Österreich, Holland, Schweiz und Belgien nehmen mussten, weil in Bulgarien noch keine Einrichtung existiert, war für viele der Prüfstein, ob die angebotenen Seminarinhalte der Anwendung im Leben standhalten. Bereits die ersten Praktikumsberichte haben zu einer großen Begeisterung geführt, sodass nach Seminarabschluss 35 der TN ein Praktika im Ausland gemacht und dafür einige auch die fremde Sprache gelernt haben. Für die Meisten war es der erste Auslandaufenthalt und hat viel zu einer neuen Sicht auf die sozialen Verhältnisse in Bulgarien beigetragen.

 Diplomfeier

Der letzte Seminartag war der feierlichen Zeugnisübergabe gewidmet. Weil die Seminarverantwortlichen die Arbeit des Seminars und die daraus entstehenden Fähigkeiten immer als Angebot für die jungen und erwachsene Menschen mit Behinderung verstanden haben, sind in den drei Jahren viele Kontakte geknüpft worden und zum Abschluss waren neben Pavlina Christova, als Vertreterin des Arbeits- und Sozialministeriums auch Vertreter der anthroposophischen Gesellschaft, ehemalige Dozenten, Verwandte und Freunde der Teilnehmer als Gäste anwesend.

Die Übergabefeier begann mit eine Begrüßung durch Edith Moor, der Initiatorin des Kurses und Verantwortlichen für die Organisation. Sie schilderte die Ausgangslage, nämlich die traurigen Verhältnisse in den bulgarischen Heimen für Kinder und Erwachsene mit einer geistigen Behinderung, ihre große persönliche Betroffenheit aus der heraus sie 2006  eine Konferenz zum Thema der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie in Varna, Bulgarien organisiert hatte. Es ging ihr darum den Menschen, die in diesen Berufen arbeiten, eine Alternative und eine neues Menschenbild vorzustellen. Es wurde auch eine Gruppe behinderter Menschen aus Rumänien eingeladen, die zeigten wie wohl sie sich als integrierte TN fühlen konnten und durchaus fähig waren in den verschiedenen Kunst-Workshops mitzumachen.

Auf dieser Konferenz wurde das Modell einer 3-jährigen berufsbegleitenden Seminarausbildung vorgestellt, wie sie bereits in anderen Ostländern erfolgreich durchgeführt worden ist.

Ein Jahr später meldeten sich ca.100 Menschen an und für 60 von ihnen fand ein Einführungsseminar statt. Im Januar 2008 konnte das Seminar mit 45 Menschen beginnen. 38 von ihnen haben die Ausbildung bis am Schluss besucht.

In ihrer Begrüßung nahm sie Bezug auf Steiners Motto der Sozialethik und damit auf den sozialen Impuls, dem sich die Ausbildung neben der Vermittlung von Kennissen und Fertigkeiten verpflichtet sieht. Ein besonderer Dank ging an die zahlreichen ausländischen Dozenten und Künstler, die größtenteils ohne Honorar gearbeitet haben und Katya Belopitova und die später dazugekommenen Übersetzer, ohne deren engagierte Beteiligung das Seminar nicht möglich gewesen wäre.

Eingeführt vom bulgarisch-deutschen Eurythmisten Deyan Dimitroff aus Lörrach bot eine Gruppe von Teilnehmern dann das Gedicht eines bulgarischen Dichters „Das Herz des Poeten“ eurythmisch dar und es war für alle der Charme der Laieneurythmie mit ihrer Mischung aus deutlichen Begabungen und gemeinsamer Begeisterung eindrücklich zu erleben.  Als Sekretär der Konferenz  Dornach, der sich die Ausbildung von Anfang an angeschlossen hatte, begrüßte Rüdiger Grimm die Anwesenden, wies auf den weltweiten Zusammenhang hin, in dem die Ausbildung steht und gab eine sehr konzentrierte Zusammenfassung der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie und ihrer Stellung zur weltweiten Diskussion um das Thema Inklusion.

In einem weiteren künstlerischen Teil machte die Musikgruppe unter der Leitung von Isabelle Kuster aus Bern klar, dass jeder Mensch ein Orchester ist und das Orchester von den musizierenden Menschen lebt.

Grußworte der Ministeriumsvertreterin, der Vertreter der Bulgarischen anthroposophischen Gesellschaft und der rumänischen Einrichtungen Corabia und Simeria führten schließlich zur Verteilung der Zertifikate durch Dr. Gerhard Herz als Ausbildungsleiter. Er wies darauf hin, dass das Zertifikat Signalcharakter hat und darauf hinweist, dass Lernen ein Prozess und nicht nur ein Ergebnis ist, und der Abschluss der Ausbildung ein Anfang und eine Verpflichtung für die Menschen mit Behinderungen in Bulgarien bedeutet. Nicht nur weil Zertifikate in Bulgarien einen hohen Stellenwert haben, war Freude, Dankbarkeit und Erleichterung in den Augen der Teilnehmenden zu lesen. Unterschrieben wurde das Zertifikat außer von den Seminarverantwortlichen auch von Rüdiger Grimm, der damit die Mitgliedschaft dieser Ausbildung im internationalen Ausbildungskreis für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie bestätigt hat.

Weiterführende Initiativen

Die Seminarteilnehmenden haben sich in 6 regionale Arbeitsgruppen zusammengeschlossen und verschiedene Initiativen entwickelt. So ist eine Freizeitgruppe und eine Tagesstätte für behinderte Erwachsene, eine Nachschul-Betreuung und das Projekt eines integrierten Kindergartens und einer Waldorfschule entstanden. Es bestehen auch viele Ideen und Ansätze für eine erste sozialtherapeutische Einrichtung, die von verschiedenen Teilnehmenden mitverfolgt wird. Weil der Großteil der Teilnehmenden in entsprechenden bulgarischen Einrichtungen arbeitet, ist es besonders erfreulich, dass sie dort vieles was sie gelernt und gesehen haben bereits umsetzen. Es wird nun mit Ton, Wolle, Farben und Musikinstrumenten  gearbeitet, rhythmische Prozesse beachtet und mehr Gewicht auf die Zusammenarbeit mit Kollegen und Eltern gelegt. Eine TN setzt sich z.B. als Heimleiterin mit  Erfolg für die soziale Integration ihrer Schützlinge ein und hat Werkstätten für die Kinder eingerichtet, eine weitere hat eine Initiative zur Gründung einer Waldorfschule in Gang gesetzt.

Als weitere Folge des Seminares wurde u.a. auch der heilpädagogische Kurs von Rudolf Steiner ins Bulgarische übersetzt und zuletzt mit Hilfe der anthroposophischen Gesellschaft in Bulgarien als Buch herausgegeben. Es besteht eine umfangreiche  bulgarische Literaturliste und alle Vorträge des Seminars stehen in bulgarischer Sprache zur Verfügung.

Für die Zukunft des Seminars gibt es eine sehr gute Perspektive: die seit etwa einem Jahr bestehende Zusammenarbeit mit der Neuen Bulgarischen Universität NBU wird einerseits den Teilnehmenden ermöglichen auch ein bulgarisches Zertifikat zu bekommen und andererseits zu einer Weiterführung des Seminares im Rahmen der NBU führen.

Diese ist sehr daran interessiert, anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie, sowie Waldorfpädagogik in ihr Universitätsprogramm aufzunehmen, weil sie auch die damit zusammenhängende Idee eines autonomen Bildungs- und Sozialwesens fördern möchte.

Finanzierung durch grosszügige Spende

Ohne die ideelle und finanzielle Unterstützung von anthroposophischen Stiftungen und vielen privaten Spendern, wäre dieses Seminar nicht möglich gewesen. Verdient ein bulgarischer Lehrer oder Sozialarbeiter doch gerade mal ca. 250 Euro im Monat.

Das Seminar ist vollständig durch Spenden finanziert, deshalb sind wir für das Vertrauen der Spender außerordentlich dankbar. Die Verbindung zu diesen Menschen und Institutionen ist in erster Linie dem Verein ACACIA - Fonds für Entwicklungszusammenarbeit - zu verdanken, der mit uns die Kontakte zu den Stiftungen und den privaten Spendern geknüpft, die Spenden verwaltet und über Jules Ackermann jederzeit ermutigend und unterstützend auf die Seminarentwicklung eingewirkt hat.

Unser herzlichster Dank geht deshalb an :

ACACIA-Basel, Stiftung Software AG-Darmstadt, Mahle Stiftung, Iona-Stichting-NL, Evidenzgesellschaft Dornach, Gemeinschaftsbank Basel, International Womensclub Sofia, Stiftung zur Beförderung der HP und ST-NL, Zukunftsstiftung, Artabana-Stiftung, Verein zur Förderung der anthroposophischen Medizin, Hermes Österreich  und die vielen privaten Spendern und Spenderinnen (über 100 Spenden).

Aufs Ganze gesehen stand in dieser letzten Seminarwoche zwar das „Scheiden-Müssen“ aus dem anfangs erwähnten Lied immer im Raum, es war aber deutlich zu spüren, dass diese Scheiden für sehr viele der Beteiligten nur der Beginn des „Findens“ neuer Entwicklungen in der Heilpädagogik und Sozialtherapie  signalisiert hat.

Mit dem Seminarmotto dieser 3 Jahre möchten wir diesen Bericht abschliessen und nochmals allen danken, die dabei unterstützend mitgeholfen haben, im Namen aller SeminarteilnehmerInnen, aber v.a. auch der seelenpflegebedürftigen Menschen in Bulgarien:

Heilsam ist nur, wenn

Im Spiegel der Menschenseele

Sich bildet die ganze Gemeinschaft

Und in der Gemeinschaft

Lebet der Einzelseele Kraft.


Edith Moor-Vasilev ( Projektverantwortung)

Gerhard Herz (Ausbildungsleitung)

ACACIA, Basel (Trägerorganisation)

Homepage:  www.oporabg.com   


Weitere Spenden gesucht:

Weil sowohl für die volle Finanzierung des Seminars, als auch die beginnenden Initiativen noch Mittel fehlen, werden weitere Spenden benötigt:

Spendenkonto ACACIA, Fonds für Entwicklungszusammenarbeit:

Freie Gemeinschaftsbank, 4001 Basel

Konto ACACIA 2.488.0  Clearing 8392 und PC 40-963-0 für Überweisungen aus der Schweiz

IBAN CH13 0839 2000 0000 2488 0  BIC RAIFCJ22XXX für Überweisungen aus dem Ausland

Projektvermerk Heilpädagogik/ Bulgarien