2009, 8. und 9. Seminarwoche

Verwandlungen in Jastrebino

Es ist nicht die schlechteste Form der sog. Konversion, alos der Umwandlung militärischer Ausrüstungen in zivile Nutzung, wenn auf dem Weg zwischen Veliko Ternovo und Varna etwas abseits der Straße ein Kampfflugzeug zu sehen ist, das – bunt mit Graffitti bemalt - als Kinderspielzeug dient. Das kann man sehen in Jastrebino, einem Kinderheim, in dem in sozialistischen Zeiten die „Kinderelite“ des Landes Ferien- und Schulungsaufenthalte verbrachte. Dass an diesem Ort  die beiden Sommerseminarwochen des Seminars für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie stattfanden, kann als weiterer Umwandlungsprozess für einen Ort gesehen werden, der zwar immer schon dem Lernen diente, damals aber unter anderen Vorgaben stand. Während es in früheren Zeiten um verordnetes Lernen ging, kamen die 36 Teilnehmer des Seminars freiwillig und aus Interesse an der Sache nach Jastrebino, um sich weiter in die Hintergründe der anthroposophisch fundierten Arbeit mit Kindern und erwachsenen Menschen mit Behinderung zu vertiefen. Während die acht Kinder, die während der beiden Seminarwochen dabei waren im Rahmen des für sie gestalteten Programms auch das Kriegsgerät einer friedlichen Nutzung zuführten, beschäftigten sich die Erwachsenen im künstlerischen Teil des Seminars unter Anleitung von Günter Luft aus Heidenheim mit dem Plastizieren. Hier wurde sichtbar, dass die intensive Arbeit im vergangen Jahr einen guten Boden bereitet hatte. Volkstanz und bewegte Tanzformen wurden mit dem Schwung und der professionellen Kompetenz der ausgebildeten Tänzerin von Emilie Stepnickova vom Sonnenhof in Arlesheim angeleitet. Die erstaunlichen Ergebnisse dieser Arbeit konnten gegen Ende des Seminars im Rahmen eine öffentlichen Aufführung in Targovishte einem weiteren Publikum gezeigt werden. Jordanka Doneva und Margaritka Jordanova zwei Teilnehmerinnen hatten diese Veranstaltung vorbereitet und nutzten sie geschickt zur Vorstellung der Arbeit des Seminars und der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie. Für eine vielleicht sogar gesamtbulgarische Premiere sorgte während dieser Vorführung Dimitar Levashki, der im Juni seinen Eurythmieabschluss in Witten-Annen absolviert hatte mit der eurythmischen Vorführung eines Gedichtes von Christian Morgenstern.

In der Weiterarbeit am Heilpädagogischen Kurs mit Dr. Franziska Keller aus Solothurn wurden einige Kinderschicksale aus dem Kurs, vorwiegend aus medizinischer Sicht dargestellt. Es wurde deutlich, dass sich die diagnostischen und therapeutischen Fähigkeiten der Teilnehmenden weiter entwickelt hatten. Die detaillierte und methodisch klar strukturierte Arbeit von Franziska Keller wurde von den Teilnehmenden dankbar aufgegriffen und ermöglichte einen weiteren Entwicklungsschritt.

Der zweite inhaltliche Bereich war der pädagogischen Arbeit in der Mittelstufe einer heilpädagogischen Schule gewidmet. Hier brachte wieder Valeria Medvedeva aus der Schule „Phoenix“ in Charkow/Ukraine ihren reichen Erfahrungsschatz ein und regte mit konzeptueller Klarheit, praktischen Übungen und feinem Humor die Phantasie der Teilnehmer wieder neu an.

Die Arbeit als Heilpädagoge und Sozialtherapeut erfordert nicht nur fachliche Professionalität, sondern auch die Fähigkeit zur laufenden Selbstverwandlung. Die Wahrnehmung und Bearbeitung dieser ganz individuellen und intim persönlichen Aufgabe wurde angeregt, durch die die von Dr. Gerhard Herz angeleitete tägliche Beschäftigung mit dem im letzten Seminar eingeführten Wochenspruch für die Oberstufe, vor allem aber durch Rudolf Steiners Tugendmetamorphosen, als einem der möglichen Wege, sein eigenes Denken, Fühlen und Wollen in Bewegung und Verwandlung zu halten. Wie immer wurden die inhaltlichen Arbeiten eingeführt und abgeschlossen durch das inzwischen schon ansehnliche Repertoire an internationalen und bulgarischen Liedern und Kanons, angeleitet durch Edith Moor.

Vorwiegend in den Abendstunden präsentierten Teilnehmer ihre Berichte aus den Praktika in Rumänien, der Ukraine und der Schweiz. haben Diese konkreten Einblicke in das Leben und die Praxis anthroposophischer Heilpädagogik und Sozialtherapie sind für Menschen aus einem Land, in dem es noch keine derartige Einrichtung gibt nicht nur beeindruckend, sondern auch motivierend für ihre eigene Arbeit im Seminar.

Neben der Anwesenheit der Kinder wurde dieses Sommerseminar auch von einer Reihe von Gästen besucht, die entweder am Seminar selbst, oder an der Kooperation mit der Initiative Interesse haben. So war z.B. mit Monika Heitmann eine Vertreterin des Deutsch-Bulgarischen Sozialwerks aus Varna und mit Marijana Bronzalova eine Vertreterin von“human dignity programm“ anwesend.Beide haben ihre Arbeit vorgestellt Mit beiden Vereinigungen steht die Initiative  schon seit längerem im Austausch. Aus Stara Zagora waren einige Menschen aus dem Umfeld der dortigen anthroposophischen Gesellschaft zu Gast, die interessiert waren, in welche Richtung die Entwicklung des noch sehr kleinen anthroposophischen Impulses sich durch das Seminar wandelt. Unter den Gästen aus Sofia, die sich für die Entwicklung eines freien Bildungswesens und den Aufbau einer Waldorfschule in Sofia interessieren war auch ein junger Mann, der eine Woche später in die neue bulgarische Regierung berufen wurde, ein weiterer Verwandlungsprozess, der die Initiative zwar nicht direkt berührt, aber eine erfreuliche Verbindung zwischen unserem spirituellen Impuls und der weiteren Entwicklung des Landes insgesamt darstellt.

In den fast zwei Jahren sind die Teilnehmenden nicht nur zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen in der man sich wahrnimmt und durchaus spürt, wenn jemand fehlt, sichtbar ist auch, dass sich die anfänglich zunächst überwiegend abwartende und zuhörende Haltung immer mehr in eine aktive Beteiligung der Teilnehmenden verwandelt. Am deutlichsten ist das sichtbar in den regionalen Gruppen, die inzwischen regelmäßig in Varna, in Stara Zagora, in Targovishte, in Pleven und in Sofia  zwischen den Seminaren im Wesentlichen am heilpädagogischen Kurs arbeiten. Spürbar ist dieser Wandlungsprozess aber auch in dem stärker geäußerten Wunsch, aktiver am Seminargeschehen und seiner Planung beteiligt zu sein. Das wird einer der Entwicklungsschritte sein, den die Kursverantwortlichen in die Planung Ihrer weiteren Arbeit einbeziehen werden.

Der Abschluss der beiden Verwandlungswoche wurde nach der öffentlichen Veranstaltung in Targovishte in einem traditionellen bulgarischen Lokal mit gutem Essen, Lifemusik und gemeinsamen Tänzen gefeiert, denn neben der Verwandlung gehört auch die Pflege wertvoller Tradition zu einem vollen Seminarleben.

August 2009

Gerhard Herz